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Rede Stern 2
Gemeinsam solidarisch gegen die juristische Verfolgung von Antifaschist*innen.

Hallo, ich möchte noch ein paar Worte sagen zu der staatlichen Repression gegen Antifaschist*innen in Aschaffenburg und Kundgebung, von der aktuell mehrere dutzend Menschen betroffen sind, und welche leider sehr arg unter dem Radar der öffentlichen Wahrnehmung liegt.

2023 fanden in Aschaffenburg beinahe im Monatstakt rechte Kundgebungen und Demonstrationen statt, bei denen eine Mischung aus sog. Querdenker*innen, faschistischen AfDler*innen bis hin zu Mitgliedern der neonazistischen Partei „Die Heimat“ ihre rassistischen, antisemitischen, sozialdarwinistischen, frauen- und queerfeindlichen Inhalte ungehindert auf die Straßen bringen durften.
Dem stellten sich im Laufe des Jahres immer mehr Menschen in Aschaffenburg entgegen. Während zuständige Behörden und die Polizei die rechtsradikalen Veranstaltungen – trotz strafrechtlich relevanter, volksverhetzender Inhalte, Hitlergrüßen wie auch körperlichen Attacken gegen Gegendemonstrant*innen – weitestgehend gewähren ließen, waren antifaschistische Gegenproteste mit Einschränkungen ihres Versammlungsrechtes, mit Einkesselungen, Festnahmen und Ermittlungen konfrontiert.
So auch besonders drastisch am 03.10.2023, als 1.000 Rechtsradikale unter dem Motto: „Wir sind das Volk – Nein zur Deindustrialisierung, illegalen Massenmigration, medialen Hetze“ durch Aschaffenburg laufen durften. Eine Spontandemo von Antifaschist*innen gegen die Teilnahme des langjährigen Bundesvorsitzenden der Nazi-Partei „Die Heimat“ wurde von der Polizei ohne Rechtsgrundlage unterbunden. 50 Antifaschist*innen wurden bei Kälte und Regen über zwei Stunden eingekesselt und kontrolliert.
In der darauffolgenden Sitzung des Aschaffenburger Stadtrates vom 23.10.2023 machte die polizeiliche Einsatzleitung ihre parteiliche Einstellung deutlich: Auf der einen Seite stünden die relativ harmlosen Querdenker*innen, die höchstens einmal eine Ordnungswidrigkeit begehen würden, auf der anderen Seite wurden – jenseits jeder Realität – Antifaschist*innen zu einem gefährlichen schwarzen Block stilisiert, von denen Straftaten ausgehen würden.
Die behördliche wie auch polizeiliche Verharmlosung rechtsradikaler Querdenker*innen führt in Aschaffenburg wie auch in Miltenberg dazu, dass seit Jahren einerseits Faschist*innen auf ihren Kundgebungen beinahe tun und sagen können, was sie wollen; selbst offensichtliche strafrechtliche Verstöße, wie z.B. regelmäßige volksverhetzend antisemitische Posts auf den einschlägigen öffentlichen Telegram-Kanälen der Kundgebungsorganisator*innen werden in den seltensten Fällen geahndet. Am 19.02.2024, dem Jahrestag der rassistischen Morde von Hanau, durfte sogar eine bekannte rechtsradikale Reichsbürgerin aus Kahl eine Kundgebung in direkter Nähe einer Gedenkkundgebung der „Omas gegen Rechts“ abhalten und dort sowohl das antifaschistische Gedenken stören, wie auch die Opfer von Hanau rassistisch verhöhnen. Vor der Kundgebung hatten die Rechten einen Aufzug in der Fußgänger*innenzone abhalten wollen, der bedrohlich auf die Oma-gegen-Rechts-Kundgebung zusteuerte. Antifaschist*innen, die sich dem entgegenstellen wollten, wurde mit Gewalt und in zwei Fällen sogar mit „Ich bringe Dich um“ gedroht.
Während antifaschistische Kundgebungen in Aschaffenburg vom zuständigen Ordnungsamt untersagt oder mit schikanösen Auflagen belegt werden, scheinen für Rechtsradikale inzwischen sogar Kundgebungen auf Brücken über vielbefahrene Straßen ohne weitere Einwände möglich zu sein, auch wenn diese offensichtlich massiv die Verkehrssicherheit auf den Straßen darunter gefährden.
Noch im Februar 2024 wollte das Ordnungsamt zuerst eine antifaschistische Kundgebung gegen die AfD nicht zulassen – erst nachdem die Anmelder*innen nachdrücklich auf ihr Versammlungsrecht gepocht hatten, konnte die Kundgebung stattfinden.
Auf dem Weihnachtsmarkt 2019 konnte eine von zwei Antifaschist*innen geplante Kunstperformance gegen die AfD nicht in der angemeldeten Form stattfinden, weil das Ordnungsamt Aschaffenburg die Rechte der AfD Hetzveranstaltungen anzuhalten, höher eingestuft wurden als das Grundrecht der Versammlungsfreiheit. Zudem sah das Ordnungsamt die Rechte der Standbetreiber*innen auf dem Weihnachtsmarkt, Umsätze zu generieren, massiv gefährdet durch die geplante antifaschistische Performance, die da ganze zwei Menschen durchführen wollten.
Und während der Lärmpegel auf jeder der rechten Demos in den Auflagenbescheiden keine Rolle zu spielen scheint – denn dort wird stets ohne Pause getrommelt und die Stadt mit schlechter Musik beschallt, untersagte die Polizei auf einer Demo von Fridays for Future 2023 in der Innenstadt teilweise komplett das Abspielen von Musik während der Demo. Auch sollte Fridays for Future nicht durch die Herstallstraße laufen dürfen – ein Weg, der den sogenannten Querdenker*innen so gut wie immer gewährt wird.
Woher kommt diese große Toleranz von Polizei und Behörden für braune Versammlungen? Warum wird von dieser Seite meistens weggeschaut, wenn auf den braunen Versammlungen Hitlergrüße gezeigt werden, oder wenn auf deren öffentlichen Social-Media-Kanälen oder auf deren Versammlungen gegen Migrant*innen, gegen Jüd*innen, gegen queere Menschen, gegen linke Menschen und gegen jede erdenkliche Minderheit gehetzt wird? Und das seit mehreren Jahren täglich.
Umgekehrt wissen wir aus vielen Jahren rechten Terrors in Deutschland, dass Opfer rechter Gewalt oft nicht ernstgenommen werden, dass bei den Taten entweder nicht richtig ermittelt wird, oder dass rechte Tatmotive zu unpolitischen Einzeltat-Narrativen umgebogen werden – während staatliche Stellen auf der anderen Seite hart gegen linke Aktivist*innen vorgehen - und das bei vergleichsweise harmlosen Vergehen.
Wir wissen, dass autoritäre Einstellungen in staatlichen Behörden stark verbreitet sind und dass rechtsextreme Chatgruppen und Sympathien innerhalb der Polizei keine Einzelfälle sind. Und dass vonseiten der Politik kein wirkliches Interesse daran besteht, diese Strukturen innerhalb der Sicherheitsbehörden zu durchleuchten und aufzulösen.
Und so stecken wir in dem Dilemma, dass wir und andere als Betroffene rechter Gewalt einerseits darauf angewiesen sind, dass Behörden Täter*innen ermitteln und Schutz vor rechten Angriffen bereitstellen, dass wir aber anderseits damit rechnen müssen, dass nicht gründlich ermittelt wird, dass wir keinen effektiven Schutz vor rechter Gewalt erfahren, oder dass sogar eher wir in Visier der Ermittlungen geraten, wenn wir uns gegen braune Hetze und Terror wehren.
Diesem Dilemma können wir nur dadurch begegnen, indem wir solidarisch zusammenstehen, indem wir zusammen eine Gegen-Öffentlichkeit herstellen, Ermittlungen beobachten und hinterfragen und indem wir zusammen die Arbeit und Verlautbarungen der Behörden nie unkritisch übernehmen.
Die Ermittlungsbehörden dürfen nicht länger in einem von Korpsgeist und autoritären Vorstellungen geprägten Rahmen agieren, in denen der Zivilgesellschaft keine effektiven Kontroll- und Widerspruchsmöglichkeiten zur Verfügung stehen.

Zurück zu den Fällen gegen Antifas in Aschaffenburg:
Insgesamt sind aktuell ca. zwei Dutzend Ermittlungsverfahren, v.a. im Zusammenhang mit Gegenkundgebungen am 29.05.2023, am 20.08.2023 und am 03.10.2023 bekannt. Die Vorwürfe reichen hierbei von Verstoß gegen das Vermummungsverbot (in den meisten Fällen wegen des Tragens von FFP2-Masken - was Wochen zuvor noch gesellschaftliche Selbstverständlichkeit und sogar Pflicht war, wird plötzlich zur Straftat), Nötigung, Beleidigung und Körperverletzung. Für die betroffenen Antifaschist*innen ist das eine enorme Belastung: Viele wollen/müssen aus finanziellen Gründen auf anwaltlichen Rechtsbeistand verzichten und befürchten für sich kaum stemmbare, hohe Geldstrafen.
Hier ist unsere Solidarität gefragt – denn: Staatliche Repression trifft zwar nur einige, aber gemeint sind alle Antifaschist*innen!
Es liegt an uns allen, die wir uns gegen Rechts stark machen, Verfahren gegen antifaschistische Genoss*innen öffentlich zu thematisieren und zu skandalisieren. Lassen wir Behörden und Polizei mit ihrem Kriminalisierungskurs gegenüber uns Antifaschist*innen nicht durchkommen!
Viele Betroffene sind zudem auf finanziellen Support angewiesen. Möglichkeiten hierzu gibt es bei Soli-Veranstaltungen: So sollen bei einem Special-Event - zum Gedenken an den Ende 2023 verstorbenen Mastermind der Band „Egotronic“ - am 08.06. im Kulturzentrum Stern in der Platanenallee, wie auch bei einem antirassistischen Fußballturnier, das voraussichtlich am 14.09. in Aschaffenburg stattfinden soll, ein Großteil der Erlöse denjenigen zugutekommen, gegen die Ermittlungsverfahren laufen. Entsprechende Spendendosen können auch schon aktuell im Stern oder im Hannebambel befüllt werden.
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